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Allein das Logo ist eine Legende: Die rote Backstein-Mauer, der Graffiti-Schriftzug, der aussieht als wäre er mit einem Edding-Marker geschrieben. Dieser Entwurf war 1989 die erste Zusammenarbeit von Gladys Pizzaro und Mark Finkelstein für ihr gemeinsames Label. Pizarro, zuständig für das A&R, ging für ihr Leben gerne Tanzen und wollte, dass das Logo einen Straßen-Look hat. Finkelstein, ein Geschäftsmann mit langjähriger Erfahrung in der Musikindustrie, zeichnete dann die Buchstaben auf einen Backstein-Hintergrund. Fertig war das Logo, dass fortan das House-Label schmückte, das einmal das erfolgreichste aller Zeiten sollte: Strictly Rhythm.

House hat Strictly Rhythm zwar nicht erfunden – das ist vorher passiert, weiter westlich: in Chicago, im Warehouse, in der Music Box –, aber das Label hat die diese Musik geprägt wie kein zweites. Stilrichtungen wie Deephouse, Garage, Vocal-House wären ohne Strictly Rhythm gar nicht denkbar. Unzählige Produzenten von Rang und Namen brachten hier maßgebliche Platten raus und wurden über Strictly Rhythm weltweit bekannt. Beispielsweise George Morel, der unter dem Alias Sir James 1989 die dritte Strictly Rhythm-Maxi produzierte. Sie hieß „Special“, hatte einen wunderschönen Piano-Loop und fand zunächst nur mäßigen Anklang. Heute gilt sie als eine der meist-gesampleten House-Platten. Der erste Club-Hit von Strictly Rhythm kam ein Jahr später, 1990, und hieß „The Warning“ von Logic, einem Projekt, an dem auch der junge Roger Sanchez beteiligt war. Tony Humphries, damals der wichtigste DJ in New York, spielte das Stück gleich viermal in der Sound Factory.

Spätestens jetzt waren die zahlreichen House-Talente der Stadt hellhörig. Immer mehr Demos trudelten bei Pizzaro und Finkelstein ein; darunter auch welche von den ganz großen Namen wie Todd Terry, Little Louie Vega und Kenny Dope von den Masters at Work. Und auch ein junger Mann aus Chicago klopfte an die Tür: Nathaniel Jones, besser bekannt als DJ Pierre. Mit seinem Stück „Generate Power“ erfand er einen ganz neuen House-Stil: Wildpitch. Strictly Rhythm Platten wurden härter, minimaler, hypnotischer –sie waren längst kein reines New York-Ding mehr.

Seit 1994 war Strictly Rhythm international das führende Label in Sachen House. Die Maxi-Singles erschienen im Wochentakt, manchmal häufiger. Den Ruf, ein Label zu sein, das man ungehört kaufen könne, verlor Strictly Rhythm auch in diesem dichten Veröffentlichungsrhythmus nicht. Viele Platten schafften es in die Charts, wie das Ragga-beeinflusste „I Like To Move It“ von Reel 2 Real, hinter dem sich Erick ‚More’ Morillo verbarg. Insgesamt brachte er fünf Reel 2 Real-Stücke in der Top 30 unter, sein Album erreichte Gold. Mehr in der Tradition von Wildpitch stand „Higher State of Consciousness“ von Josh Wink, dessen unfassbar insistierende Bassline sofort Gänsehaut auslöst.

Den Höhepunkt seines Erfolgs erreichte Strictly Rhythm schließlich 1997. Ultra Naté sang „Free“ – und die ganze Welt hörte der kraftvollen Stimme der Diva aus New York zu. Ultra Naté konnte noch weitere Hits nachlegen wie „Found a Cure“ oder „New Kind of Medicine“. Allerdings wurde es für Gladys Pizzaro schwerer, an das hohe Niveau der Produktionen anzuknüpfen. House war ein weltweites Phänomen geworden, Strictly Rhythm feierte besonders in England große Erfolge. Mit „King of my Castle“ von Wamdue Project konnte man 1999 erstmals Platz eins der UK-Charts erobern. Aber in New York verlor die Musik an Schubkraft.

Auch Strictly Rhythm veränderte sich. Warner Music kaufte die Mehrheit und sorgte dafür, dass das Label wie ein Major arbeitete. Die beiden Geschäftsmodelle passten nicht zusammen. Die Konsequenz: Warner stellte den Betrieb des Labels 2002 ein. Aber das hielt Mark Finkelstein nicht auf.  Er wies als Indie David dem Major Goliath Fahrlässigkeit nach und bekam letztendlich alles zurück. Sowohl den guten Namen Strictly Rhythm, das Logo, als auch den gesamten Katalog. Ende 2006 nahm er auf dieser Grundlage den Betrieb wieder auf, als sei nichts geschehen.

Beim Relaunch stand Simon Dunmore vom englischen Label Defected. mit kreativer Unterstützung zur Seite. Die Wahl ist nicht zufällig gefallen. Dunmore war der erste, der Strictly Rhythm Tracks lizenzierte. Und zwar schon vor fünfzehn Jahren. Die ersten Veröffentlichungen kamen von alten Bekannten und neuen Gesichtern. Masters at Work, Tiefschwarz und Todd Terry steuerten ihren Mix zum Neustart der House-Legende Strictly Rhythm bei. Das erste Artist-Album kam von Osunlade. Was für ein Neustart!

2010 erfolge durch die Trennung von Defected der finale Schritt in die Selbstständigkeit. Mit neuen Veröffentlichungen von Michel Cleis, Dennis Ferrer, Bob Sinclar, Quentin Harris, Radio Slave und vielen anderen stellte man direkt die zeitgemäße Relevanz unter Beweis. Somit gilt auch für die Zukunft „Think House, Think Strictly Rhythm“.

Man darf also gespannt sein, wie es weiter geht mit Strictly Rhythm. Schon wegen Mark Finkelstein, dessen Lebenslauf mindestens so windungsreich wie die Rillen einer Maxi-Single. In den sechziger Jahren studierte er Luftfahrt-Wissenschaft und Astronomie und arbeitete als Ingenieur bei dem Luftfahrt-Konzern Grumman. Dort baute er an der Mondlandefähre der Apollo 11. Sogar sein Name ist auf dem Mond. Neil Armstrong hat dort eine Zeitkapsel vergraben, in der sich die Namen der Ingenieure befinden. Später, in den siebziger Jahren, arbeitete er als Unternehmensberater für Tennis-Stars wie Björn Borg, Jimmy Connors und Illie Nastase und tanzte im Studio 54 die Nächte durch. In den achtziger Jahren wechselte er ins Musik-Geschäft und führte für das R&B-Label Spring Records die Geschäfte. Als das Label 1988 den Betrieb einstellte, wollte er mit seiner Abfindung ein Taxi-Unternehmen gründen. Die ehemalige Rezeptionistin von Spring Records hielt ihn davon ab und überredete ihn, ein neues Label zu starten. Sie hieß Gladys Pizarro.